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Sonntag

Peter Bongard
Miteinander der Generationen am Sonntagvormittag

Gebetsmühlenartig wird immer wieder von interessierter Seite wiederholt, dass weitere Feiertage geopfert werden müssen, um damit der Wirtschaft auf die Beine zu helfen und Arbeitsplätze zu schaffen. Erstaunlich: Das Bundesland mit den meisten kirchlichen Feiertagen, Bayern, steht bundesweit an der Spitze wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Und auch die regionalen verkaufsoffenen Sonntage, die den Kommunen zugestanden wurden, haben wirtschaftlich nicht viel gebracht.
Also: Worum geht es eigentlich?

Vorbild Maschine?

Manchen Ökonomen sind arbeitsfreie Tage ein Dorn im Auge. Wer nicht arbeitet, schafft keine Werte, und wenn auch Verkäufer nicht arbeiten dürfen, gibt es nicht mal Umsatz. Wozu also Schutz der Sonntagsruhe, wozu noch gesetzlich geschützte arbeitsfreie kirchliche Feiertage? Zeit ist Geld. So gesehen sind Sonn- und Feiertage rausgeschmissenes Geld. Vorbildlich dagegen: Maschinen, die gut geölt und ohne zu klagen rund um die Uhr ihren Dienst tun.

Aber Maschinen leben nicht. Schon vor Jahrtausenden begriffen Menschen, dass das Leben nicht nur aus einzelnen, immer gleichen Tagen besteht, sondern dass es einen tiefen Rhythmus hat, in den wir hineingeboren werden: sieben Tage, 12 Monate und 52 Wochen in einem Jahr. Schon früh war klar: Der Rhythmus ist lebenswichtig. Er entscheidet über die richtigen Zeiten von Saat und Ernte, von Geschäftigkeit und Ruhe für Boden und Menschen.

Jeden Sonntag Ostern

Im alten Israel erzählte man sich, dass sogar Gott am siebenten Tage geruht habe, als er die Erde erschuf: Erst die Arbeit, dann die Erholung. Sie nannten den siebenten Tag der Woche Sabbat und ersannen strenge religiöse Gesetze, was ein frommer Mensch an diesem Tage zu tun und zu unterlassen habe.
Die ersten Christen drehten die Sache später ganz bewusst herum: Nicht der letzte, sondern der erste Tag der Woche war für sie der Feiertag. Man traf sich vor oder nach der Arbeit zum gemeinsamen Gottesdienst. Damit unterschieden sie sich nicht nur von der jüdischen Tradition. Der christliche Sonntag stand vielmehr für den Neuanfang, den Sieg über den Tod, das neue Leben, weil Jesus Christus von den Toten auferstanden war. Und das wurde wöchentlich gefeiert – jede Woche ein kleines Osterfest. Sie kamen zusammen, sie beteten, lasen die Heilige Schrift und feierten das Abendmahl. Die Gemeinschaft war ihnen lebenswichtig.

Ostern im Frühjahr

Kaiser Konstantin, der im vierten Jahrhundert das Christentum zur Staatsreligion erhob, ordnete an, dass am Sonntag die Arbeit der Stadtbevölkerung zu ruhen habe wie am jüdischen Sabbat. Zur gleichen Zeit wurde aus Ostern ein großes Jahresfest, am ersten Sonntag nach dem ersten Neumond nach Frühlingsanfang. Auf dem Land durfte oder musste man am Sonntag weiter arbeiten. In den folgenden Jahrhunderten war das mit der Heiligung des Sonntags oder der christlichen Feiertage so eine Sache. Es waren unruhige Zeiten und die meisten Menschen waren mit Überleben beschäftigt. Arbeitsfreie Festtage gab es nur für jene, die es sich leisten konnten. Wenn es gut ging, bekam das Gesinde für den Gottesdienstbesuch frei, mehr nicht.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine wirksame staatliche Gesetzgebung, die den Sonn- und Feiertagsschutz garantieren sollte. Die Industrie und ihre Maschinen
hatten längst ihren Siegeszug angetreten. Millionen Menschen schufteten bis zu 16 Stunden täglich in einer Sieben-Tage-Woche in den Fabrikhallen, ohne Schutz in Krankheit und Alter. Aber alt wurden die Wenigsten. Arbeitsfreie Sonntage, Feiertage und sogar bescheidene Urlaubstage waren – nicht zuletzt auf Drängen der christlichen Kirchen – wichtige Schritte zu einem menschenwürdigeren Leben in der Industriegesellschaft. Und: Sie erhielten die Arbeitskraft.

Vergeblicher Traum vom freien Wochenende

Das uralte Wissen vom Rhythmus des menschlichen Lebens mit Arbeit und Ruhe kam wieder ins Spiel. Zugleich wurde auch unter den Bedingungen der Industriegesellschaft wieder gemeinschaftliches Leben möglich. Denn was nützt Freizeit einer Familie oder einem Freundeskreis, wenn man sie nicht zusammen verbringen kann? Der Gedanke machte Schule. Das „freie Wochenende“ war nicht mehr der Anfang, sondern das Ziel der Arbeitswoche.

Dabei ist viel Illusion. Nur noch ein Drittel der Arbeitnehmer hat ein regelmäßiges freies Wochenende. Den Takt gibt nicht mehr der Kreislauf des Lebens, sondern Schichtarbeit und Maschinenlaufzeiten vor. Aber was nützen freie Tage in der Woche, wenn man sie nicht zusammen verbringen kann, weil die Kinder in der Schule und Partner und Freunde zur Arbeit sind?

„Ohne Sonntag gibt’s nur noch Werktage. Das wäre ein Leben ohne Rhythmus, ein graues Einerlei“, mahnte einst vornehm die Evangelische Kirche in Deutschland. Vielleicht ist ja die Wahrheit viel hässlicher: Ohne Sonntag geht die Gemeinschaft zum Teufel.

J. Schmidt 

© Multimediaredaktion ekhn.de

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